middles_heimer_weihnachtJürgen Heimer packt mit vielen Freiwilligen Weihnachtsgeschenke für Seeleute aus aller Welt

Das einzige Weihnachtsgeschenk

Seemannsmission verteilt Gaben an Seeleute aus aller Welt

Cuxhaven/Middlesbrough. Rollenweise Geschenkpapier, meterweise Klebeband, überall bunte Kartons: Das Gemeindezentrum neben der kleinen Kirche im niedersächsischen Belum bei Cuxhaven sieht aus wie die Packstube des Weih- nachtsmannes. Telefonkarten, Süßes, Socken und Duschgel verschwinden in Hunderten von Weihnachtspäckchen, die für die Seemannsmission im englischen Middlesbrough bestimmt sind. Dort werden sie an Seeleute aus aller Welt verteilt. „Häufig ist das das einzige Weihnachtsgeschenk für sie“, sagt Mitorganisator Jürgen Heimer.

In der Regel sind es die Seeleute, die dafür sorgen, dass in Deutschland die Gabentische zum Fest gefüllt werden können. Egal, ob nun Computer, MP3-Player oder elektronisches Spielzeug auf den Wunschlisten stehen: „Mehr als 90 Prozent der weltweit gehandelten Waren kommen auf Schiffen über das Meer zu uns“, sagt Heike Proske, Generalsekretärin der Deutschen Seemannsmission in Bremen, zu der auch die Station in Middlesbrough zählt. Nun werden die Seeleute selbst beschenkt - nicht nur in England, sondern auch an der deutschen Nordseeküste.

 

Von Emden über Cuxhaven bis Brunsbüttel bringen Vertreter der Seemannsmissionen in diesen Wochen Tausende Ge- schenkpäckchen auf die Schiffe, weil viele Crewmitglieder an Bord Weihnachten fern von Heimat und Familie verbringen müssen. Mal sind es Tee, Kluntjes und Selbstgebackenes wie in Ostfriesland, mal warme Mützen, mal Handtücher für den Alltag an Bord. „Nach Hause können wir die Seeleute zwar nicht schicken“, räumt der 66-jährige Heimer ein. „Aber mit einem kleinen Geschenk gelingt es, ihr Weihnachtsfest etwas heller und freundlicher zu machen.“

Das ist bitter nötig, denn infolge der weltweiten Finanzkrise ist die Schifffahrt durch Überkapazitäten, sinkende Frachtraten und fehlendes Kapital in schweres Wasser geraten. Besonders kleine Reedereien stehen vor dem Aus. Etliche Seeleute fürchten um ihre Jobs. Dazu kom- men die isolierte Arbeitssituation an Bord und vielerorts die anhaltende Bedrohung durch Piraten. „Weihnachten heißt für uns auch, Frieden finden für die eigene Seele“, betont Heike Proske. „Aber für viele Seeleute wird das schwierig, denn sie hören von Piratenangriffen, manche haben Attacken auf ihre Schiffe bereits erleben müssen.“ Jürgen Heimer und seine Frau Rosi wissen um die Lage, denn über Jahrzehnte haben sie die Seemannsmission in Middlesbrough geleitet. Jetzt im Ruhestand organisieren sie und ein Freundeskreis im Land Hadeln gleich hinter dem Elbdeich die Geschenkeaktion. Eine ganze Region engagiert sich für die Seeleute - Rotes Kreuz, Kirche, Kindergärten und Landfrauen. Der Cuxhavener Seemannsdiakon Martin Struwe organisiert dann ein Schiff, mit dem die Päckchen nach England geschafft werden.

Seemannsmission bedeutet aber mehr als nur Geschenke. Seit über 150 Jahren bietet das Werk Matrosen soziale Hilfen und eine Heimat in der Fremde. Die älteste Station wurde 1854 in Bremen eröffnet. Die Idee einer Seelsorge für Seeleute ist noch älter und geht zurück auf den Gründervater der Diakonie, Johann Hinrich Wichern. Schon 1848 mahnte er: „Wir erinnern uns an die Fürsorge für die Matrosen, die in den Seestädten der Nord- und Ostsee so notwendig wäre.“ Mittlerweile gehören 16 Inlands- und 17 Auslandsstationen zum Netzwerk der Deuschen Seemannsmission. „Bei uns ist es seit vielen jahren Tradition, den Seeleuten zu Weihnachten etwas Gutes zu tun“, berichtet Seemannsdiakon Uli Schulte in Middlesbrough. Wie an der Nordseeküste legt sich auch hier eine ganze Region ins Zeug. Deutsche in Middlesbrough, New Castle, Edinburgh, Aberdeen, Inverness und Glasgow steuern Geld und Päckchen bei. Die Geschenke seien ein Lichtblick im eintönigen Arbeitsleben an Bord, bestätigt Schulte: „Der Dank der Seeleute ist groß.“

Dieter Sell

Artikel erschienen bei "Evangelische Zeitung" - Hannover



 

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