140 Jahre im Dienste der Seeleute

Wie es mit der Deutschen Seemannsmission begann und welche Erfolge, Höhen und Tiefen es gab.

Die Deutsche Seemannsmission (DSM) blickt im Jahr 2026 auf 140 Jahre ihres Bestehens zurück, weil der 29. September 1886 als Gründungsdatum gilt. Aber Ursprünge des Gedankens finden sich schon viel früher. So könnte die DSM sich auf den Apostel Paulus berufen, der viel mit Schiffen unterwegs und im Kontakt mit Seeleuten war.

Oder auf die Schiffsprediger auf den Schiffen der Hanse. Wie etwa Sweder Hoyer, der auf einem Gemälde in der Jakobikirche in Lübeck im Jahr 1565 zu sehen ist. Nach ihm ist der Seemannsclub der Lübecker Seemannsmission am Lehmannkai benannt.

In der Neuzeit ist es der Hamburger Pastor Johann Hinrich Wichern, der das Rauhe Haus für Waisenkinder leitete und den entscheidenden Anstoß gab. Auf einer Reise nach England sah er wie man sich dort für Seeleute einsetzte. Er rief er in seiner Rede auf dem Kirchentag in Wittenberg 1848 zur Inneren Mission auf, womit er den Einsatz für Arme und am Rande der Gesellschaft Lebende meinte. Ein Jahr später plädierte er dafür, dass die evangelische Kirche sich um die Seeleute kümmern solle.

Der Aufruf führte zu verschiedenen Initiativen, die Wicherns Aufruf aufnahmen und in die Praxis umsetzten, etwa Mitte des 19. Jahrhunderts in England, 1850 in Antwerpen und in Alexandria. Oft wurde einfach geholfen, ohne eine Organisation dahinter. In Bremen gründete der Reeder Johann Karl Vietor 1854 ein Seemannsheim mit Hausregeln nach den Grundsätzen von Wichern.

Auch an vielen Orten wurde diskutiert, etwas für die Seeleute zu tun. Mit Blick auf einen Namen – wegen der Inneren Mission war der Begriff Mission gesetzt – sollte zur Abgrenzung etwa von den Briten auch das Wort Deutsch darin vorkommen. So entstand der Name Deutsche Seemannsmission.

Auf lokale Initiative hin entstanden an vielen Orten Vereine. Friedrich von Bodelschwingh etwa entsandte Diakone aus Bethel nach Amsterdam und Rotterdam. Die evangelische Kirche in Deutschland war föderal organisiert, dazu gab es noch die Aufteilung in lutherisch, uniert und reformiert. So entstanden in der Folgezeit mehrere Verbände:

  • 1885 wurde in England und Wales ein Komitee gegründet, um dort die Arbeit zu koordinieren (ab 1886 für ganz Großbritannien).
  • Am 29. September 1886 wurde in Hannover aus den lutherischen Landesvereinen der Inneren Mission heraus das „Komitee zur kirchlichen Versorgung deutscher Seeleute im Ausland“ gegründet.
  • Das „Komitee für Deutsche Evangelische Seemannsmission“ wurde 1895 in Berlin für die Kirchen der Altpreußischen Union gegründet.

Prinz Heinrich, Sohn Kaiser Wilhelms II., übernahm 1894 das Patronat für die Deutsche Seemannsmission, aber die Hoffnung auf Unterstützung erfüllte sich nicht. Die Jahrhundertwende brachte dann jedoch den Durchbruch in der Dampfschifffahrt und Deutschland war mit seiner aufstrebenden Handelsflotte vorne dabei, was sich auch in der Unterstützung der Seeleute bemerkbar machte.

1910 gab es allein in Großbritannien Aktivitäten der Deutschen Seemannsmission in 47 Häfen mit sechs Seemannsheimen und 15 „Lesezimmern“, die von 38.492 Seeleuten besucht wurden, wie eine Werbe-Postkarte von damals berichtet.

Seemannsheime entstanden außerdem in Amsterdam, Rotterdam, Antwerpen, Kopenhagen, Genua, Marseille, Petersburg, Alexandria, Buenos Aires, im chilenischen Valparaiso und in New York.

Mit dem Ersten Weltkrieg gab es jedoch einen großen Einbruch und nach dem Krieg wurden viele der Einrichtungen im Ausland enteignet. Wie eine zeitgenössische Grafik zeigt, gab es die Deutsche Seemannsmission vor dem Weltkrieg in 204 Häfen, 1920 in 42 und 1928 schon wieder in 98 Häfen mit über 20.000 Seeleuten zu Gast.

1923 wurde ein Zweckverband gegründet zur gemeinsamen Vertretung der Seemannsmissionen gegenüber Staat und Kirche, der eng an die Diakonie angebunden war.

Die Zeit des Nationalsozialismus war auch für die Seemannsmission ein dunkles Kapitel. Die Machtergreifung wurde dort genauso überschwänglich begrüßt wie insgesamt in weiten Teilen der deutschen Gesellschaft und der Kirche. Im Jahresbericht aus London hieß es etwa, das Jahr solle „für immer fortleben als Jahr der nationalen Erhebung und nationalsozialistischen Revolution“. Eine historisch-kritische Aufarbeitung über die Deutsche Seemannsmission in dieser Zeit steht noch aus.

Die angestrebte Gleichschaltung aller gesellschaftlichen Bereiche durch die Nationalsozialisten widersprach dem Prinzip unabhängig agierender Seemannsmissionen, sodass über staatliche Einrichtungen nachgedacht wurde. Wobei es auf Seiten der Seemannsmission sowohl Befürworter, aber auch Gegner des Nazi-Regimes gab.

Kein Geringerer als der Theologe Dietrich Bonhoeffer stärkte die Deutschen Pfarrer in England in ihrer ablehnenden Haltung und im November 1934 schlossen sich die Gemeinden in England, die das dortige Generalkomitee der Seemannsmission trugen, der Bekennenden Kirche an.

Nach dem 2. Weltkrieg waren viele Gebäude der Seemannsmission zerstört oder wurden im Ausland enteignet. In den 1950er Jahren wuchs jedoch mit dem Wirtschaftswunder auch die deutsche Handelsflotte wieder und rasch wurden Standorte wiedereröffnet.

In den 1960er Jahren gab es nach der Unabhängigkeit der ehemaligen Kolonien Togo und Kamerun rege Kontakte zu den dortigen unabhängigen evangelischen Kirchen. In den Denkschriften dafür findet sich die Aussage, dass die Deutsche Seemannsmission für Seeleute aller Nationalitäten und Kulturen da ist. 1964 wurde das Seemannsheim Foyer de Marin in Lomé (Togo) eingeweiht und 1966 in Douala (Kamerun).

Eine Grafik, die der damalige Seniorpastor der Deutschen Seemannsmission Harald Kieseritzky Anfang der 1960er Jahre veröffentlichte, trägt die Überschrift: „Ganz Deutschland treibt Seeschifffahrt.“ Sie zeigt, dass die deutschen Seeleute damals aus allen Teilen des Landes kamen, und zwar fast gleich verteilt auch aus den Regionen fernab der Küste. Damals zogen aber die meisten Seeleute an die Küste, weil ihre Schiffe von deutschen Häfen aus fuhren.

1969 waren 60 Mitarbeiter in 64 Häfen für Seeleute da. 75.000 deutsche und 40.000 internationale Seeleute besuchten die Einrichtungen, wie im Jahrbuch 1969 der New Yorker Lutheran Seamen’s Mission nachzulesen ist.

Im selben Jahr gab es auf Anstoß einiger Landeskirchen und der EKD die Diskussion um eine Vereinheitlichung der Organisation, was auch mit der Finanzierung der Arbeit im Ausland durch EKD und Bund zusammenhing. Wegen der langen Geschichte der verschiedenen Verbände gab es unterschiedliche Vorstellungen und deshalb einen langen Prozess. 1973 wurde Carl Osterwald als theologischer Leiter gewählt und 1974 schließlich die neue Satzung beschlossen, nach der der Leiter „Generalsekretär“ hieß, nur noch juristische Personen Mitglied des Verbands sein konnten und es einen Proporz der Stimmen zwischen Inland und Ausland gab. Fortan hieß der Verband „Deutsche Seemannsmission“, womit der lange für die gesamte Arbeit übliche Name offiziell übernommen wurde.

Bei einem Treffen in Rotterdam beschlossen die verschiedenen Seemannsmissionen zusammen mit dem Ökumenischen Rat der Kirchen einen gemeinsamen internationalen ökumenischen Verband zu gründen. Daraus entstand die International Christian Maritime Association (ICMA). Die Deutsche Seemannsmission ist Gründungsmitglied und ständig im Vorstand der ICMA vertreten.

Schon auf dieser Konferenz wies der Vertreter des Verbands Deutscher Reeder, Kapitän Heinrich Schopper, darauf hin, dass die fortschreitende Automatisierung in der Schifffahrt „vergrösserte Isolation und Frustration“ mit sich bringe, was die Arbeit der Seemannsmission wichtiger mache.

Nach dem Fall der Mauer wurde es auch auf dem Gebiet der ehemaligen DDR möglich, an Einrichtungen der Seemannsmission zu denken. In Rostock wurde 1991 die Arbeit begonnen, in Sassnitz 1994.

Ende der 1990er Jahre begann bei der Internationalen Arbeitsorganisation der UN (ILO) ein Prozess, um die vielen einzelnen Regelungen für die Arbeit der Seeleute in einem Abkommen zusammenzufassen. Über die ICMA und die deutschen Gremien war die Deutsche Seemannsmission daran beteiligt. 2006 wurde schließlich die Maritime Labour Convention (MLC) von der ILO beschlossen.

In der Seemannsmission gab es Anfang der 2000er Jahre Diskussionen, ob sie sich auch um die Besatzungen der Kreuzfahrtschiffe kümmern solle – was mit Ja beantwortet wurde. 2010 wurde die erste Seafarers‘ Lounge eingerichtet, in einem Container in der Fassade des aus Containern gebauten Kreuzfahrtterminals in der Hafencity in Hamburg. Inzwischen gibt es weitere Standorte in Hamburg sowie in Kiel und Warnemünde.

Die Jahre von 2015 bis 2021 waren von immer knapper werdenden Finanzen gekennzeichnet. Überall musste gespart werden, an den Standorten im Ausland wie auch im Headoffice.

„DSM 2030“ hieß im Januar 2020 eine Zukunftskonferenz in Bremerhaven, die im Spannungsverhältnis zwischen der Hoffnung auf Mittel des Bundes für die Arbeit und der sonst zu befürchtenden dramatischen Knappheit stand.
Es gelang jedoch, Abgeordnete davon zu überzeugen, die in der MLC 2006 vorgesehene Finanzierung der Seafarers Welfare als Aufgabe des Bundes anzusehen. Schließlich war und ist Deutschland eine der größten Handelsnationen der Welt.

Bedeutend für die Arbeit der Seemannsmission war 2020 der Beginn der Corona-Pandemie. Vieles an Arbeit war plötzlich nicht mehr möglich, stattdessen wurden Lieferdienste ans Schiff organisiert und innerhalb weniger Wochen wurde die digitale Seelsorge dsm.care (heute Seafarer Chat) entwickelt.

Die Pandemie brache hohe Belastungen für die Seeleute mit sich. Der starke Einsatz der Mitarbeitenden der Seemannsmission ermöglichte, sie weiter zu betreuen. So gab es den Großeinsatz für ein Kreuzfahrtschiff mit 2800 Seeleuten und einigen Coronafällen in Cuxhaven an dem zahlreiche Mitarbeitende der Seemannsmission beteiligt waren. In Hamburg wurden hunderte Seeleute in Quarantäne besucht. Und es gab dort die über Monate gestrandeten Seemänner aus Kiribati, die zunächst in Altona und dann in einer Jugendherberge von einem großen Team der
Seemannsmissionen und der katholischen Stella Maris betreut wurden.

In jüngerer Zeit kamen geopolitische Krisen hinzu, die jeweils die Seeleute besonders treffen und die mehr Betreuung durch die Seemannsmission erfordern: 2022 der Krieg gegen die Ukraine, 2024 die Angriffe auf Schiffe im Roten Meer und 2026 der Irankrieg mit der Blockade der Straße von Hormus.

Text: Matthias Ristau

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