news tigerstreifGedanken zu Corona-Zeiten

Ein Tigerstreif am Horizont

von Jonas Buja - 2. Offizier MV "Gaschem Shinanon"

„In der Theorie – das heißt als rein physische Möglichkeit betrachtet – könnte ein Tier überallhin gehen…“, schreibt Yann Martel in seinem Buch „Schiffbruch mit Tiger“. In der Praxis würde ein Zootier aber lieber in seinem Käfig bleiben, als mit den Problemen der großen weiten Welt konfrontiert zu werden.

Und so wie es mit Tieren, zum Beispiel Tigern, und ihren Käfigen ist, so ist es wohl auch mit Seeleuten und ihren Schiffen. Mir geht es zumindest so. An Bord, da weiß ich wo was ist und dass die Menschen, denen ich begegne, mir nichts Böses wollen. Sie sind meine Kollegen. Die kenne ich. Die zu erwartenden Überraschungen sind zu bewältigen: kaputte Maschinen, rostige Decks und Stürme. Damit können wir um. Dafür sind wir ausgebildet. Klare Verhältnisse sind es, die an Bord herrschen.

Der große Wassergraben um das Gehege herum, das Meer jenseits der Reling, schirmt uns von allem ab, was die Welt sonst erschüttert und die Schlagzeilen bestimmt.
So ist es auch mit Corona. Gemeinsam ist man an Bord so oder so die meiste Zeit in so etwas wie Quarantäne. Alle an Bord gehören quasi demselben Haushalt an und so ändert sich das Leben auf dem Schiff gar nicht groß. Schön ist es in Zeiten wie diesen auf See sein zu dürfen.

Die See aber ist nicht der Hafen.

Im Hafen tritt dann vieles umso krasser zu Tage. Den so wie der Tiger in seinem Käfig, so ist auch der Seemann auf seinem Schiff auf die Außenwelt angewiesen: Raubtierfütterung.

Auch ein noch so gut proviantiertes Schiff mit vollen Bunkertanks braucht irgendwann Nachschub. Nicht nur Reis mit Ketchup, den es meistens auch dann noch gibt, wenn alle anderen Vorräte aufgebraucht sind, auf Dauer nicht das schmackhafteste Essen, sodass man sich eben nicht jeden Tag wieder neu darauf freuen kann, schreit nach Abwechslung. Auch ein noch so großes Schiff wirkt irgendwann beengt, auch der noch so lieben Kollegen wird man mit der Zeit ein wenig überdrüssig. Man braucht einfach eine Luftveränderung.

Mit den herrschenden Einreiseverboten und Quarantänebestimmungen wird ein für drei Monate geplanter Einsatz schnell mal zu einem halbjährigen. Oder aus den geplanten sechs Monaten an Bord werden neun. Vielleicht auch ein ganzes Jahr. Die einen legen einfach nicht in Häfen an, in denen man von Bord könnte. Andere bekommen keine Ablöse, weil der Kollege an Land nicht von zuhause wegdarf oder wenn doch, dann gibt es keine Flugzeuge, die ihn von der Heimat zu seinem Schiff bringen könnten.

Und natürlich ist die Seefahrt kein Selbstzweck. Wenn die Weltwirtschaft eine Delle bekommt, dann trifft das selbstverständlich auch die Seefahrt. Als Seeleute transportieren wir schließlich alles: auch das in Deutschland produzierte T-Shirt ist ja nicht aus Baumwolle von den Bäumen im Schwarzwald gesponnen. Viele Seeleute verlieren also derzeit ihre Jobs oder liegen einfach ewig ohne Beschäftigung mit ihren Schiffen vor Anker. Das macht mürbe. Vor allem die Kreuzschifffahrt hat es schwer getroffen. Sie wurde quasi eingestellt.

Zu guter letzt und an erster Stelle steht aber natürlich die Sorge um die Familie zuhause. Zwar schätzt man sich glücklich an Bord arbeiten zu dürfen und nicht unnötig daheim rumsitzen zu müssen in einer Welt, in der man die eigenen vier Wände kaum verlassen darf, aber man würde dennoch gerne die unterstützen, die man liebt. Seine Kinder betreuen, damit die sich nicht allzu sehr langweilen. Den Eltern oder Großeltern den Wocheneinkauf vor die Haustür stellen, damit die nicht selber raus müssen und Gefahr laufen sich mit Corona zu infizieren. Einfach wissen, dass es ihnen gut geht und nicht ahnungs- und tatenlos am anderen Ende der Welt sitzen.

Aber was nich‘ is‘, is‘ halt nich‘! Das müssen wir aushalten. Ob wir das auch können, ist eine andere Sache.

Gut, dass uns die Seemannsmission dabei hilft. Dort wo es nicht behördlich untersagt ist, kommen Diakone, Pastoren und Ehrenamtliche weiter mit offenen Ohren und SIM-Karten an Bord. Wo der Landgang ausfällt auch mit gefüllten Einkaufstaschen. Das Seemannsheim in Emden sei zwar praktisch immer leer, schrieb mir Pastor Meenke Sandersfeld, dafür sei er aber viel im Hafen unterwegs und erledige viele Einkäufe für Seeleute. „Du glaubst ja gar nicht, was es alles im Supermarkt zu kaufen gibt,“ berichtete er von all den kleinen Dingen, die einem an Bord das Leben versüßen und ein Lächeln auf die Lippen zaubern. Ein Streif am Horizont. Vielen Dank! Allen Mitarbeitern der Deutschen Seemannsmission!

Gut behütet vor allem vor bösen Überraschungen sitzt man also als Seemann auf seinem Schiff. Aber eben auch gefangen. Gefangen mit den eigenen Problemen, die über das Schiff, das Meer hinausgehen.

Foto: Lena Horstmann
 
 

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