Notfallseelsorge
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Wieso hatte ich Glück, Mam?

Begleitung einer Crew nach Vollausfall von Kapitän bis Maschinenleitung

Wozu soll das Training in SbE (Stressbearbeitung nach belastenden Ereignissen – Critical Incident Stress Management) hilfreich sein? Werde ich das je in Le Havre anwenden können?

Das waren meine Fragen, als ich Mitte Juni im Hamburg mit einigen Kolleg*innen die ersten beiden Module dieser Fortbildung absolvierte…und auch meine J&J Impfung in Cuxhaven erhielt.

Seelsorge und Beratung machen wir doch eh immer bei Bedarf und die Arbeitsbedingungen und -organisation in Deutschland und Frankreich sind sich in vielen Bereichen nicht sehr ähnlich und somit war meine Hoffnung nicht ernsthaft groß, je das Erlernte in der Praxis anwenden zu können.

Alles änderte sich, als wir Ende Juni eine Mail vom Hafenkapitän erhielten, mit folgender Nachricht:

„Der Erzfrachter NORD SUNDA, Flagge Singapur, aus Buchannan (Liberia) kommend, von wo aus er am 18. Juni 2021 ausgelaufen war, befand sich auf dem Weg zum Hafen von Dünnkirchen, um eine Ladung Eisenerz zu löschen, als von der 20-köpfigen Besatzung, alle philippinischer Nationalität, 16 Covid 19 Symptome zeigten, von denen 5 eine schwere Form entwickelten.

Als sich das Schiff der französischen Küste näherte, wurde ein medizinisches Team der französischen Marine an Bord geholt, um die Situation zu beurteilen. Im Anschluss an diese medizinische Bewertung wurde das Hafenmeisteramt von Le Havre gebeten, das Schiff NORD SUNDA so schnell wie möglich zu empfangen, um die Evakuierung der schwersten Fälle zu ermöglichen und eine medizinische Nachsorge für den Rest der Besatzung einzurichten. Die Hafenmeisterei des Hafens von Le Havre informierte ihre Aufsichtsbehörden und richtete mit den Schiffsdiensten des Hafens ein Verfahren ein, um das Schiff NORD SUNDA so schnell wie möglich anzulegen, damit die SAMU SCMN am Kai eingreifen konnte.

Das Schiff lief am 30. Juni 2021 um 06:00 Uhr im Hafen von Le Havre ein, bei der Ankunft wurde ein Lotse an Bord genommen. Die NORD SUNDA dockte um 07.40 Uhr am Quai an. Drei Schlepper unterstützten das Manöver. Es war nicht notwendig, die Besatzung zu verstärken. 5 Seeleute wurden unmittelbar nach der Evakuierung ins Krankenhaus eingeliefert. Bei den anderen 11 positiven Fällen war keine Krankenhausbehandlung erforderlich.

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Bis auf weiteres wird eine Bewachung angeordnet, um zu verhindern, dass die Besatzung an Land geht und dass Unbefugte an Bord gehen. Für die an Bord verbliebene Besatzung wurde eine medizinische Nachsorge eingerichtet. Die ARS wird im Laufe des Tages oder morgen eine Screening-Kampagne für die an Bord verbliebenen Seeleute organisieren.

Das Schiff wird im Hafen von Le Havre bleiben, bis die ARS der Ansicht ist, dass es angesichts der Entwicklung der Krankheit unter der Besatzung nach Dünnkirchen fahren kann.“

So, nun war er da, der Fall X und das mit so einer unglaublichen Geschwindigkeit.

Dank der itf Inspektorin Corine Archambaud, die mich als Kontaktperson dem Hafenkapitän vorschlug, bekam ich als einzige die Möglichkeit, der an Bord verbliebenen Crew in dieser Krise beizustehen. Und dieses, weil ich das Training zum Stress-Management nach Krisensituationen absolviert hatte und bereits vollständig impfwirksam war…tja, so kann es gehen.

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Bei der ersten Begegnung, traf ich die symptomfreien Seeleute fast alle an Deck (positiv wie negativ Getestete), während einige dabei waren Proviant zu verladen, übergab ich dem 3rd und 2nd Officer das Geschenkpaket vom Seemannsclub Le Havre (mit SIM Card), außerdem erhielten sie einen Basketball (zum Ablenken) und eine Bibel auf Tagalog. Der Erstkontakt verlief asiatisch zurückhaltend, das Einzige was thematisiert wurde, war, dass das Isolieren von positiv und negativ Gestesteten an Bord unmöglich schien, und dann fehlten leider Testergebnisse, diese Betroffenen waren daher etwas beunruhigt. Ich versprach nachzuforschen und am nächsten Tag wieder zu Besuch zu kommen.

Am Samstag brachte ich eine Frühstücksspende von Carrefour an Bord. Jeder Seemann erhielt typisch frz. Butter- und Schokocroissants, der Kapitän war inzwischen schon wieder aus dem Krankenhaus entlassen, der Zustand des Chief Eng verschlechterte sich allerdings, so dass er schließlich ins künstliche Koma gelegt wurde. Die Verunsicherung nahm spürbar zu. Vom Einzelgesprächsangebot wollte anscheinend trotzdem niemand Gebrauch machen.

Ich blieb mit dem Chief Mate und dem 3rd Officer per messenger in Kontakt. Ihre nächste Bitte an mich war 700 Dollar (7 Hundertdollarscheine) klein zu stückeln, damit die restlichen Gehälter ausgezahlt werden könnten. Am Montag konnte ich diese dann tatsächlich an Bord bringen. Beim Zählen des Geldes kamen dann solche Fragen: „Wenn jemand aus dem Koma wieder aufwacht, Mam, ist er dann wie zuvor oder muss er alles wieder lernen? Kann er dann seinen Job noch machen?“ Und wohl die immanenteste aller Fragen: „Warum gerade er? Der Chief Engineer betrieb Sport und ernährte sich gesund, war selten krank und erst recht nicht chronisch, wie kann es ihn so hart treffen?  Ich habe die Kabine direkt neben ihm und dem 2nd Engineer, beide waren positiv und entwickelten so schlimme Symptome, dass sie sogar ins Krankenhaus oder eben auf die Intensivstation mussten. Ich habe die Kabine zwischen ihnen und bin negativ, wie kann das sein, Mam? Wieso hat es mich nicht getroffen?“

Dankbar sein, dass es einen nicht getroffen hat, geht das, wenn man weiß, dass der Kollege, der im Koma liegt, ein sechsmonatiges Baby hat, das er noch nie gesehen hat? Eine junge Frau, die er eventuell zu früh zur Witwe macht, falls er es nicht schaffen sollte.

Einer der OS hat regelmäßig Kontakt zur Ehefrau, die ist fassungslos und ohnmächtig. Die ganze Crew kommt aus derselben Gegend auf den Philippinen, aus Cebu, aber dennoch sind sie eigentlich weder Nachbarn noch Freunde zu weitläufig ist die Struktur, aber sich einfühlen ineinander können sie trotzdem. Der Serviceofficer bedankt sich überschwänglich für das gewechselte Geld. In meinen Gedanken kreist Folgendes: etwas Alltägliches miteinander und füreinander machen, bringt einen ins echte tiefe Gespräch, so ganz nebenbei, triggert die „richtigen Fragen“ an…

Das merke ich mir, falls ich noch mal in so eine Situation komme.

An diesem Tag werden die Positiven 11 in ein Hotel in der Stadt in Quarantäne gebracht. Die 6 anderen Negativen verbleiben an Bord, schließlich muss ja jemand das Schiff bewachen.

Mein letzter Besuch findet am Mittwoch statt: ich sitze in meinem Astronauten Anzug bei prallem Sonnenschein an Deck vor der Bridge und unterhalte mich ein letztes Mal mit 4en aber v.a. mit dem Chief Mate über die Situation und ihre Hoffnungen nun auch bald in Quarantäne, dann geimpft zu werden und nach Hause zu können. Als Abschiedsgeschenk habe ich ihnen ein Skatspiel und Karamellbonbons mitgebracht, alle 3 jüngeren hängen permanent an ihren Handys und chatten mit zu Hause. Wir haben die Info, dass es auch dem Chief Eng besser geht, aber er vermutlich noch ein paar Wochen länger zur Reha in Frankreich bleiben muss.

Als ich gerade wieder am Quai am Ende der Gangway ankomme, entdecke ich drei Minibusse, das ist das Desinfektionsteam auf das gewartet wurde, danach kann die neue Crew an Bord…

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Die ersten Negativ Getesteten dürfen am 13. Juli nach Hause fliegen und gehen dort noch mal in Quarantäne. Am 16.07. erfahren wir vom Tod des Chief Engineers. Die katholischen Kollegen von Stella Maris übernehmen die Zeremonie im Krematorium und die Hommage für den Chief Eng Mr. C. Bis dato (Anfang August) befindet sich die Asche noch auf französischem Staatsgebiet, und ich habe bis zur Zeremonie immer wieder Kontakt per messenger mit dem 3rd Officer und dem Chief Mate gehabt, die beide inzwischen wieder mit ihren Familien vereint sind.

Leider ist das Leben nicht, wie ein Hollywood Film und es gibt nicht für alle ein Happy End, aber zumindest erhalten alle Seeleute von der itf in den Philippinen erstritten Dienstausfallzahlungen, auch für die Zeit der Quarantäne, die Hinterbliebenen des Ingenieurs erhalten die durch P&I im Todesfall versicherte Summe…das macht den Ehemann und Vater nicht wieder lebendig, aber es federt wenigstens finanziell ein wenig ab.

Diese Crew führte mir wieder einmal eklatant vor Augen, wie Menschen sich schuldig fühlen, wenn sie selbst unbeschadet aus einer Gefahrensituation entfliehen konnten, während andere sogar ihr Leben lassen…

Schuld – die gibt es nicht…man kann sie weder sehen, noch anfassen und sie hilft einem auch nicht weiter.

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Text und Fotos: Seemannsdiakonin Silvie Boyd, Le Havre
 
 

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