Krisen auf See: Persönliche Hilfe bleibt entscheidend

Erste Ergebnisse der branchenweiten Sea Care-Umfrage

Hamburg. Die persönliche Anwesenheit von Kriseninterventionsteams nach Zwischenfällen auf See hat für Seeleute eine hohe Bedeutung. Das ergab eine Umfrage unter Seeleuten und Reedereien des durch die EU-geförderten Projektes Sea Care. Dabei wurden 306 Probanden befragt, darunter 212 Seeleute, 31 Schiffsmanager, 40 maritime Krisenhelfer sowie zehn Crewing-Agenturen. Knapp die Hälfte der 306 Befragten hatte bereits eine Krisensituation auf See erlebt.

Persönlicher Kontakt trotz Distanz
„Die Umfrage hat eindeutig die Bedeutung der persönlichen Zuwendung und die tatsächliche Anwesenheit gezeigt“, sagt Dirk Obermann, Koordinator für Notfallseelsorge auf See der Deutschen Seemannsmission. Nach der persönlichen Anwesenheit vor Ort folgte direkt an zweiter Stelle die digitale persönliche Unterstützung. Seeleute gaben an, psychische Unterstützung zu schätzen, entweder durch einen Psychologen oder durch einen Krisenhelfer einer der Seemannsmissionen.Das Fot zeigt Seemannspastor und Stationsleiter Marc Schippers (li.) mit weißem Schutzhelm und neopngelber Warnweste an Bord eines Schiffes im Hafen von Antwerpen. Er ist im Gespräch mit einem jungen Seemann. Der Mann trägt einen dunkelblauen Arbeitsoverall. Schippers hört dem jungen Seemann aufmerksam zu.

„Was sich gezeigt hat und für die Seeleute sehr wichtig war, ist die Vertrautheit mit dem Leben und der Arbeit von Seeleuten sowie deren Herausforderungen“, sagt Jeric Bacasdoon, Doktorand an der World Maritime University (WMU), der die Studie ausgewertet hat.

Seeleute erhoffen sich folgende Hilfsangebote nach Krisenfällen auf See: Hilfe von einem Psychologen, der Besuch eines Krisenhelfers einer der Seemannsmissionen und den Besuch eines Vertreters vom Crew-Management. „Die Umfrage zeigt, es ist wichtig, diese Unterstützung so schnell wie möglich – innerhalb von 48 Stunden – zu erhalten“, ergänzt Obermann. Daran mangele es jedoch, sagt Stefan Francke, der sich als Pastor weltweit um die niederländischen Schiffscrews im Wasserbau kümmert.

„Was mich überrascht hat: Das Stigma, psychologische Unterstützung in Anspruch zu nehmen, ist nicht so hoch wie gedacht. Es gibt bereits eine gewisse Offenheit dafür“, sagt Obermann. Francke ergänzt: „Und was ebenfalls deutlich wurde: Es gibt Bedarf für einen Krisenhelfer in der ersten Linie.“ Persönliche Präsenz sei nötig, mit einem Psychologen eher im Hintergrund, was typisch für Krisenhelfer der Seemannsmissionen sei. „Man sieht, dass Psychologen oft diese erste Rolle übernehmen, dann aber meist nur online verfügbar sind. Diese Umfrage hilft uns, unsere Rolle klarer zu definieren“, sagt Francke.

Seeleute bewerteten etwa auch das Wissen, die Fähigkeiten und die Eigenschaften eines maritimen Krisenhelfers, so Obermann. Neben der Vertrautheit mit dem Leben und der Arbeit von Seeleuten und dessen Herausforderungen, sollten sie gut kommunizieren können, über psychologische Grundkenntnisse verfügen und erkennen können, wann eine Weitervermittlung an einen klinischen Psychologen nötig ist.

Wunsch nach spirituellen Angeboten
Des Weiteren gaben die Befragten an, dass es wichtig sei, dass Krisenhelfer ein Ritual durchführen können, um einen spirituellen Aspekt einbringen zu können. „Das ist für uns wichtig, weil es den ganzheitlichen Ansatz ausmacht. Dadurch unterscheiden wir uns von anderen Anbietern mentaler Unterstützung in der Branche“, sagt Obermann. Solche Rituale können etwa ein Gebet, eine kleine Andacht, ein kleines Kreuz, eine Segensmünze, ins Wasser gestreute Blumen oder auch die spirituelle Reinigung eines Ortes sein.

Neben der religiösen Unterstützung ist für die Seeleute auch Wissen über kulturelle Unterschiede wichtig. Dazu zählen, laut Obermann, etwa Unterschiede im Ausdruck von Belastung und im Umgang mit Sprachbarrieren. Krisenhelfer sollten Empathie im Umgang mit Menschen, emotionale Intelligenz und Mitgefühl mitbringen. So wünschten sich Seeleute von einem zukünftigen Trainingsprogramm zwischenmenschliche und emotionale Kompetenzen der Krisenhelfer.

127 Probanden antworteten, sie hätten mit einer Krise nach einem schweren Zwischenfall an Bord umgehen müssen. Genannte Beispiele für eine Krise waren mit abnehmender Häufigkeit: die psychische Erkrankung eines Crewmitglieds, gewalttätige Auseinandersetzungen an Bord, ein schwerer Unfall mit körperlicher und / oder psychischen Verletzungen, ansteckende Krankheiten, natürliche Todesfälle, tödliche Unfälle, Mann über Bord, Piratenangriffe, Suizide und im Stich gelassen zu werden.

Vertraulichkeit und Unabhängigkeit seien für die Befragten sehr wichtige Aspekte. „Maßnahmen sind am effektivsten, wenn sie nicht von kommerziellen Interessen beeinflusst sind. Das heißt, wir werden nicht von Unternehmen geschickt und verlangen kein Geld“, so Obermann.

Wie es nach der Umfrage weitergeht
„Der nächste Schritt ist, bestehende Programme zu aktualisieren und zu verfeinern“, sagt Inga Bartuseviciene, Professorin für Aus- und Weiterbildung im maritimen Bereich an der WMU. Der Gruppe gehe es auch darum, die Umfrageergebnisse in die Entwicklung neuer Trainingskurse einzubeziehen. „Wir arbeiten unter Leitung der World Maritime University daran, das Berufsprofil des maritimen Krisenhelfers zu verbessern und Training auf hohem Niveau zu entwickeln“, sagt Francke. Für Ende Februar 2027 ist in Antwerpen ein Pilottraining für eine Gruppe von zwölf Krisenhelfern von Wohlfahrtsorganisationen für Seeleute geplant.

Fotohinweis: Das Sea Care-Team (v.l.n.r.) Inga Bartuseviciene (World Maritime University), Dirk Obermann (Dt. Seemannsmission), Helene Perfors (Nederlands Zeevarenden Centrale), Stefan Francke (Stichting Pastoraat Werkers Overzee), Jeric Bacasdoon (World Maritime University), Marc Schippers (Dt. Seemannsmission, Antwerp Seafarers‘ Welfare)

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