Eine Expedition zurück zur Menschlichkeit

aus dem Alltag der Seemannsmission Le Havre

Auf Anfragen der ITF-Inspektorin aus Le Havre besuchten wir seit Anfang Dezember die auf dem Expeditionskreuzfahrtschiff zurückgebliebenen fünf Seeleute von den Philippinen. Der Reeder ist bankrottgegangen und konnte die anstehenden Reparaturen sowie die Heuer der Mannschaft nicht mehr aufbringen. Zurück blieb eine Not-Mannschaft von elf Seeleuten inklusive französischem Kapitän, der alle zwei Wochen ausgewechselt wurde. Die französischen Offiziere und der Chef-Mechaniker blieben alle nur ein paar Wochen, konnten am Wochenende auch mal nach Hause oder hatten Besuch der Familie an Bord. Die Filipinos jedoch mussten an Bord bleiben und hoffen, dass das Schiff, ihr Schiff, auf dem sie wie der Maschinist fast 20 und der Bootsmann 18 Jahre lang gedient hatten, und es nach Angaben der verschiedenen französischen Kapitäne wie ihre Westentasche kennen, auktioniert würde.

Glücklicherweise waren die französischen Offiziere pfiffig und haben eine Agentur in Frankreich gefunden, die bereit war, das Schiff vorübergehend in ihre „Flotte“ aufzunehmen, trotz der unsicheren Finanzlage. So konnte der Kreuzer im September 2025 von Las Palmas, wo er in den Trockendock sollte, nach Caen gebracht werden.

Die fünf philippinischen Seeleute, die sich auch nicht gemeinsam weiter als bis in die Stadt Caen vom Schiff wegbewegen durften, waren sehr dankbar für unsere Besuche. Es bedarf immer einer Notfallbesatzung in solchen Fällen, die schnell das Schiff umlagern kann.

Da mag man denken: „Ach, die haben es doch gut, müssen nur an Bord bleiben, nicht wirklich dafür arbeiten.“ Ob man es glaubt oder nicht, für manche Menschen ist genau das sehr zermürbend. Seeleute sind es gewohnt viel zu arbeiten und plötzlich ist der Tagesablauf nicht mehr geregelt, man fühlt sich unnütz und ohnmächtig dazu. Man weiß nicht, ob und wann von wem der nächste Heuermonat bezahlt wird und ob man von einem neuen Eigner auch übernommen wird. Es ist unklar, ob man eventuell zu Weihnachten oder zu Silvester wieder einmal nicht zu Hause feiert. Das bedeutet, von Woche zu Woche bangen, hoffen, warten und Versprechen hören, die wieder nicht gehalten werden.

Der Bootsmann war der Rädelsführer der Gruppe und brachte es so auf den Punkt: „Täglich schauen wir auf diese Brücke, immer wieder dasselbe Bild. Die Welt ist in Bewegung, hunderte von Autos und LKWs fahren darüber, nur wir, wir sind zum Stillstand und Warten gezwungen. Wenn man gewohnt ist, immer fleißig seine Arbeit zu tun, wie ein Hamster im Laufrad, ohne sich Fragen zu stellen und plötzlich steckt man in so einer unverschuldeten Situation fest. Das ist erschreckend und wirft einen auf sich selbst zurück.“

Ja, sie haben genug zu essen, Strom und Heizung. An Bord mangelt es an nichts Materiellem, außer an Klarheit, wie und wann es weitergehen wird und das monatelang. Sie berichten über schlaflose Nächte,weil sie körperlich und geistig nicht gefordert sind, mitten in der Nacht aufwachen und dann stundenlang im Internet surfen oder stumpfsinnig Filme schauen.

Unser Team war alle zehn Tage einen halben Tag entweder an Bord, natürlich immer in Begleitung von Missiondog Fluffy, für den es auch der erste Einsatz auf einem Kreuzer war oder wir waren in Caen unterwegs, um den Seeleuten ein wenig Luftveränderung zu verschaffen, waren im Schloss, in einer Filmvorführung zu 1.000 Jahre Caen sowie auf dem Weihnachtsmarkt. Wir haben zugehört, Verständnis gezeigt, Tränen erlaubt, versucht aufzuzeigen, dass wir da sind, und haben bei allen Fragen begleitet, die aufkommen, auch in Bezug auf Zukunft als Seemann. Wir brachten Nikolausgeschenke, SIM-Karten, denn auch das WIFI wurde natürlich von niemanden mehr bezahlt und vor allem Humor und Zuversicht an Bord. Bis endlich die gute Nachricht kam: Das Schiff wurde für 4,5 Millionen Euro versteigert. Puuh! Das bedeutete Aufatmen, Freude, Erleichterung und dann endlich von der Agentur die E-Mail, mit den reservierten Flugtickets für die Seeleute.

Am 12. Februar sind die übrigen vier zusammen nach Hause geflogen und konnten sogar noch ein schnelles Foto am Eiffelturm machen, ein Check-Häkchen auf der Bucketlist trotz der widrigen Umstände, die dazu führten. Einer von ihnen wird sicherlich nie wieder zurück an Bord gehen, sondern in den wohlverdienten Ruhestand mit 67 Jahren.

Silvie Boyd
Leiterin der Deutschen Seemannsmission Le Havre
alle Fotos: Silvie Boyd

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